Schwindel in Zeiten elektronischer Medien

Eine Frau, Pianistin von Beruf, verblüfft, rührt und entzückt CD-Sammler und Klavierexperten in England und Amerika. Sie ist krebskrank und steht bereits in vorgerücktem Alter. Mit ungeahnten Kräften ausgestattet, gelingt es ihr dennoch, binnen weniger Jahre den grössten Teil der Klavierliteratur aufzunehmen. Sie beherrscht nicht allein sämtliche Sonaten von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert oder Prokofjew, sondern auch Bachs Goldberg- und Brahms‘ Paganini-Variationen, Liszts Transkriptionen aller Beethoven-Symphonien, Godowskys Bearbeitungen der Etüden Chopins.
Über hundert CD kommen zum Vorschein, ohne dass sich darin ein einziges Werk wiederholt. Siebenundsiebzigjährig stirbt sie im Jahr 2007. In den Londoner Zeitungen liest man Nachrufe, wie sie interpretierenden Musikern noch kaum zuteil wurden. Wer es noch nicht mit Hilfe des Internets oder aus Zeitschriften erfahren hatte, wusste es nun: Joyce Hatto war «ein britisches Nationaljuwel», eine Pianistin, die den grössten Namen der Zunft nicht nachstand.
Wie sich herausgestellt hat, war die ganze CD-Serie ein grandioser Schwindel. Joyce Hattos Ehemann William Barrington-Coupe hatte ihn allmählich in Szene gesetzt. So verbreitete er die Geschichte einer Leidenden, die, von Schwächeanfällen heimgesucht, in einem Schuppen hinter dem Haus ihre Aufnahmen machte. In Wirklichkeit wurden Aufzeichnungen anderer Pianisten in seiner eigener Firma unter Joyce Hattos Name herausgebracht.
Inzwischen sind die Spieler der meisten CD identifiziert worden. Nicht weniger als 96 Pianisten sind es, darunter Namen wie Andsnes, Ashkenasy, Bronfman, Hamelin oder Kissin. Die Identität der Aufnahmen ist elektronisch einwandfrei erwiesen. Barrington-Coupes Beitrag bestand darin, den Klang zu verfremden, zyklische Werke aus mehreren Aufnahmen zusammenzustellen sowie Tempi zu verändern, um die Identifikation zu erschweren.
Schwer zu sagen, worüber man mehr staunen sollte: über die Wirklichkeitsferne, die es einer kranken Frau zutraute, ein riesiges, athletisch höchst anspruchsvolles Repertoire innerhalb eines Jahrzehnts aufzunehmen, ein Repertoire, das kein Übermensch während eines langen gesunden Lebens bewältigen könnte; über die Sorglosigkeit, mit der ein Klavierspiel akzeptiert wurde, dem seit den siebziger Jahren niemand als Augenzeuge beigewohnt hatte; über die unglaubliche Tatsache, dass man das Spiel einer Hundertschaft verschiedenster Pianisten für jenes einer einzigen Person hielt («Ihr schöner Klang gehört ihr allein»).
Alfred Brendel, Pianist, in der Neuen Züricher Zeitung vom 02.01.2010
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