Stradivari für Sonderverwertungen

Rekorde zu verzeichnen, das ist die Aufgabe des Guinness Buchs. Wer als Geiger hier landet, spielt einfach unglaublich schnell und findet die übliche Schneller-Höher-Lauter-Bewunderung. Wer in der BILD-Zeitung mit intimsten Bekenntnissen gesteht, wie er seine Beziehungen buchstäblich vergeigt, der findet auch sein Publikum.
David Garrett, der Junge mit der Geige aus Aachen. Schnellster Geiger der Welt, für die einen, geilster Geiger für die anderen. Geiger mit Popstarwirkung. Als er zehn Jahren alt ist übt er, genauso wie alle anderen Kinder, die zu Wundern hochgepuscht werden, sieben Stunden täglich. Er hat einfach Glück, dass die Investitionen Früchte tragen. Mit Dreizehn bekommt er einen Exklusivvertrag von der Deutschen Grammophon. Die Frage, ob es bei solchen Verträgen je um Kunst, geschweige denn um das Kind geht, stellt sich nie.
„Wenn du etwas erreichen willst, musst du knallhart dafür arbeiten und kämpfen ohne Ende. Diese Erfolgsgeschichten, aus dem Nichts heraus ganz nach oben zu kommen, führen zu falschen Vorstellungen.“ (Die Zeit)
Garrett hatte 2002 bei den Nokia Nights Of The Proms „in Hallen mit bis zu 17.000 begeisterten Menschen gespielt. Das hat mir schon zu denken gegeben. Wenn die Verpackung stimmt, dann kannst du auch Menschenmassen für klassische Musik begeistern.“
Folgerichtig  heißen seine CDs: „Free“, „Virtuoso“ und „Encore“, was nichts besagt und auch nicht soll, die Stücke heißen „Summer“, „Winter Lullaby“ oder „Smooth Criminal“, was auch nichts besagt. Es gibt zwei Klangvarianten: schmuseweich und pepperonifeurig. So wie man sich Klassik eben vorstellt, wenn man sie nicht kennt. Elektronischen Hall braucht man da, und nicht zu knapp, sonst füllt auch die schönste Stradivari nicht die riesigen Säle.
Jetzt hat er eine CD mit Mendelssohns Violinkonzert eingespielt. Makellos, fantasielos, ohne künstlerisches Profil. Aber die Verpackung scheint zu stimmen. Die Berliner Lizensierungsagentur mo-content sucht Markenpartner für „Sonderverwertungen“. Das bedeutet: die Unternehmen dürfen ihren Produkten eine CD von Garrett beilegen. Längst ist der Geiger kein Künstler, sondern eine Marke, die aufgebaut wird, wie jede andere auch –  sei es ein Parfum oder eine Margarine. Angst, die Marke zu verramschen, hat Garretts Management nicht.
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