Als wenn Sterben das Schlimmste wäre…

Vor der Erfindung des Penicillins hat einer, der von Syphillis befallen ist, nichts mehr zu verlieren. Auch Franz Schubert nicht, der sich ab 1822 die „venerische“ Krankheit geholt hat (nach Venus, der Göttin der Liebe).
Es ist kaum zu unterscheiden, ob der Tod eine Folge der Krankheit ist, oder der Behandlung. „Kuriert“ wird nämlich hauptsächlich mit Quecksilber (=Hg). Die sog. „große Kur“ beginnt mit der Einnahme von Hg, also einer gezielten Vergiftung von innen. Danach werden Salben, die bis zu 50% flüssiges Hg enthalten, großflächig aufgetragen. Der Kranke darf sich weder waschen, noch die Bettwäsche wechseln, auch gelüftet werden darf nicht, damit die Dämpfe unverdünnt im Zimmer bleiben. Die Anwendungen werden so lange fortgeführt, bis der Kranke endlich hohes Fieber hat.
Schubert schreibt im Februar 1823 „da meine Gesundheits-Umstände mir noch immer nicht erlauben, außer Haus zu gehen.“ Er ist im Allgemeinen Krankenhaus in Wien zur Behandlung, das als das modernste Europas gilt. Geschlechtskranke sind in einem 90-Betten-Saal untergebracht. Dort entstehen die sonnigen Müllerin-Lieder. Ein Gedicht vom Mai läßt in sein Inneres blicken: „Meines Lebens Martergang/ Nahend ew’gem Untergang“ Im August scheint es ihm relativ gut zu gehen, „und befinde mich ziemlich wohl. Ob ich je wieder ganz gesund werde, bezweifle ich fast.“ Es entsteht die Rosamunde-Musik.
Die Freunde halten sich untereinander auf dem Laufenden:
„Schubert ist besser, es wird nicht lange dauern, so wird er wieder in seinen eigenen Haaren gehen, die wegen des Ausschlags geschoren werden mußten. Er trägt eine sehr gemütliche Perücke.“
Allerdings kommt es 1824 zu einem schweren Rückfall „Denk Dir einen Menschen, dessen Gesundheit nie mehr richtig werden will.“ Das Streichquartett ,Der Tod und das Mädchen‘ fallen in diese Zeit. Aber auch das heitere Oktett, Lieder wie ,Im Frühling‘ und ,Lebensmut‘, Klaviermusik zu 4 Händen.
„Als wenn Sterben das Schlimmste wäre, was uns Menschen begegnen könnte.“ schreibt er 1825 dem Vater.
Weder wird etwas aus der Bewerbung um die 2. Hofkapellmeisterstelle, noch aus seinen Opernplänen, Einladungen werden spärlich. Pro Lied bekommt er von seinen Verlegern einen Gulden, die seine Not um Geld für Medikamente schamlos ausnutzen. Stolz schreibt er: „Mich soll der Staat erhalten, ich bin für nichts als das Componieren auf die Welt gekommen.“ 1827, wieder im Krankenhaus, schreibt er die Winterreise. 1828 wird ein gutes Jahr. Einladungen, Privatkonzerte, Veröffentlichungen wechseln einander ab, er kann sogar die 70km bis zu Haydns Grab zu Fuß zurücklegen! Die große Messe Es-Dur entsteht, Klaviersonaten, das Streichquintett, die große Sinfonie in C-Dur, energisch und kraftvoll.
Da die ärztlichen Anwendungen nicht helfen, macht man bei „fortschreitender Blutentmischung“ Aderlässe. Die geben ihm den Rest.
Er stirbt am 19. November 1828.
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1 Response to “Als wenn Sterben das Schlimmste wäre…”


  1. 1 Volkhard Hühn Montag, 23, November, 2009 um 9:43 pm

    Guten Abend, liebe Frau Duch!
    Ihr blog ist – wie immer – wunderschön, „Als wenn sterben das Schlimmste wäre…“. Habe gerade eine „Zeichnung“ für meine Loge für morgen Abend geschrieben, da geht es um Leben und Tod, Thema : „Stirb` und werde!“ Hat gut zusammengepasst! Danke!
    Liebe Grüße
    Ihr
    V.Hühn


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