Viva il caro Sassone!

Händel verlässt nach dem Handgemenge mit Mattheson Hamburg, nicht ohne sich mit zwei Opern verabschiedet zu haben.

Er macht sich zu Studienreisen nach Italien auf, dem Land, in dem man zu dieser Zeit als Musiker einfach gewesen sein muss, wenn man es zu etwas bringen will. Dort macht er Station in Venedig, Neapel, Florenz und Rom.

Dummerweise hält er sich gerade zu der Zeit in Rom auf, in der der Papst Opernaufführungen verboten hat. Ein Erdbeben hatte Rom erschüttert und innerhalb des Kirchenstaates sind daher für einige Jahre alle Vergnügungen wie Karneval und Oper verboten. Die rettende Idee kommt aus dem kirchlichen Lager selbst: Pietro Ottoboni, mit 22 Jahren zum Kardinal ernannt, interessiert sich vor allem für seine wöchentlichen Konzerte. Wenn schon keine Opern mit weltlichem Inhalt aufgeführt werden dürfen, dann eben solche mit geistlichem Inhalt. Die nennt man dann eben Oratorium. Ob da ein Orpheus oder ein David singt, ist den meisten völlig egal, Hauptsache die Musik reißt mit.

Der junge Händel aus dem protestantischen Norden, bei seiner Ankunft in Rom gerade einmal 21 Jahre jung, hat es weit gebracht: Er darf im Palazzo des Kardinals auftreten, was als besonderes Privileg gilt. Dort trifft er auf den berühmten Arcangelo Corelli, dessen Instrumentalmusik sich durch besonders geschmeidige Linienführung auszeichnet.

Händel schreibt für Ottoboni das Oratorium „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno” (Der Triumph der Zeit und der Nicht-Täuschung) Corelli leitet die Proben und ist offensichtlich mit Händels Musik schlichtweg überfordert:

„Corelli beklagte sich darüber, daß er in den händelschen Ouvertüren sehr viel Schweres antreffen müste. In allen Zügen seiner Erfindungen war ein solcher Grad von Feuer und Kraft. Händel hatte auf verschiedene [Weise] versucht, Corelli zu unterrichten, wie man seine Gedanken am besten herausbringen könne; da ihn die Kaltsinnigkeit, womit Corelli immer zu spielen fortfuhr, heftig verdroß, riß er ihm die Violine aus der Hand und spielte die berührte Stelle selbst. Corelli aber, als ein sehr bescheidener und sanftmütiger Mann, bedurfte keiner solchen Überzeugung: denn er gestund offenherzig, daß er keinen Verstand (Verständnis) davon hätte, er wisse die Sachen nicht eigentlich herauszubringen und ihnen die gehörige Stärke des Ausdrucks zu geben.” (Mainwaring, Händels Biograph)

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Sein Oratorium macht Händel zum Star: „Il caro Sassone”, der geliebte Sachse, wird er nun genannt. Seine Musik steht an Rausch einer Oper in Nichts nach und die allegorische Figur der Lust „strahlt einer erotische Kraft aus, wie sie in einem weltlichen Werk nicht exzessiver sein könnte.” (Karl-Heinz Ott) Völlig anders als in den kahlen lutherischen Kirchen in Halle oder Hamburg findet Händel nicht nur in den Palästen, sondern gerade in den Kirchen eine ungekannte Pracht: Marmorne Säulen und Böden, reich verzierte Kapitelle und Pilaster, weit schwingenden Emporen und Arkaden, üppig verzierte Statuen und Gemälde, ausladende Seitenschiffe mit einer Vielzahl von Kapellen – und all das durchflutet vom farbigen Licht prunkvoller Fenster. Nein, hier geht es nicht um das bloße Bibelwort. Es ist eine überwältigende  Demonstration Kunst gewordenen Rauschs. Die Zeremonie des Gottesdienstes selbst folgt mit ihren priesterlichen Prunkgewändern, dem Glockengeläut, einem Lichtermeer von Kerzen und dem betörenden Duft von Weihrauch einer großangelegten Inszenierung.

Händel hat viel gelernt und die nächste Station in seinem Leben ist in Sicht: ein Headhunter, Agostino Steffani, wirbt um ihn und bietet ihm die Kapellmeisterstelle in Hannover an.

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