Schlägerei am Gänsemarkt

Nachdem wir letzte Woche einen kurzen Überblick von Händels Leben bekommen hatten, wenden wir uns jetzt einigen Ausschnitten genauer zu. Die erste namhafte Station im Leben des jungen Händel ist Hamburg. Dort, unter Reinhard Keiser, lernt er, wie man Opern schreibt. Keiser gilt als der bedeutendste Opernkomponist und macht die Hansestadt zu einem ernstzunehmenden kulturellen Zentrum. Der Bau der ersten deutschen Oper am Gänsemarkt in Hamburg war allerdings nur gegen der erbitterten Widerstand der Pietisten durchgesetzt worden.

Denn das, was die einen begeistert, schreckt die anderen: Musik stand schon immer in dem Verdacht, Gefühle im Menschen aufzuwühlen, die als bedenklich gelten. In der Musik gebe es dämonische Kräfte, die unsere „humores (Körpersäfte) mächtig conturbieren und beunruhigen [würden], daß Tollheit, Unsinnigkeit, Wüterey entstehen müßten.” (Musurgia universalis 1650)

oper_am_gansemarkt

Musik gehört zum Menschen wie das Geschichten-Erzählen. Sagen, Mythen und Märchen gibt es überall auf der Welt. In der Oper aber werden Klang und Sprache zu einem märchenhaften Ganzen verbunden. Musik, Handlung, Kostüme und Requisiten dienen allein nur dem Zweck zu verzaubern, betören, verwirren und entrücken. Es zählt nur eines: für einen Abend lang Geliebter oder Prinzessin, Mörder oder König sein!

1703, mit 18 Jahren, kommt Händel nach Hamburg. Er spielt am Gänsemarkt zunächst Violine, später Cembalo und freundet sich mit dem Allroundkünstler Johann Mattheson an, der sich begeistert über die Oper äußert: „Da hat ein Componist rechte Gelegenheit seinen Inventionibus den Zügel schießen zu lassen! da kann er auf unzehlige Art Liebe, Eifersucht, Haß, Sanfftmuth, Ungedult, Begierde, Gleichgültigkeit, Furcht, ja Himmel, Erde, Meer, Hölle, und alle darinn vorkommende Verrichtungen sehr natürlich abbilden… Über dem weiß ja ein jeder, daß Opern nur Scherz und Lust [sind] .”

Anfangs kommen die beiden jungen Männer gut miteinander aus, doch im Lauf der Zeit neidet Mattheson dem Jüngeren sein Talent. Das gespannte Verhältnis eskaliert und zwar mit einer dem Ort angemessenen Theatralik. Mitten in der Oper Cleopatra passierte es: Mattheson, Komponist der Oper, ist darüber hinaus auch noch Sänger der Hauptrolle. Nach seinem Bühnentod springt er in den Orchestergraben, um die musikalische Leitung zu übernehmen und sich dann in dreifacher Weise bejubeln zu lassen. Dort allerdings sitzt Händel, der sich diesen Lorbeer auf keinen Fall nehmen lassen will. Und so kommt es zu einer handfesten Schlägerei, die auf dem nächtlichen Markt ihre Fortsetzung findet.

Danach gibt es nur noch ein erstrebenswertes Ziel: Italien! Händel schreibt zwei Opern, die mit großem Erfolg in Hamburg aufgeführt werden. Damit kann er es sich endlich leisten, nach Venedig zu reisen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




Enter your email address to follow this blog and receive notifications of new posts by email.

Schließe dich 2 Followern an


%d Bloggern gefällt das: