Zwischen Revue und Show

Nach dem Tode Ludwig XIV. war man der zeremoniellen Tragédie lyrique rechtschaffen müde, die Lully zur Apotheose des Sonnenkönigs geschaffen hatte. Leichtere, eingängigere Unterhaltung war gefragt, ein wenig wie in Italien, wo es ja Tänzerinnen geben sollte, die – zum Ergötzen des Publikums –  tatsächlich zum Tanzen die Reifröcke ablegen und in die Luft springen sollten!

Die Ballet-Oper tritt auf den Plan: sie bietet leicht verständliche  Handlung, Hits für die Bühnenstars und vor allem viele unterhaltsame Tanzeinlagen – das barocke Musical ist geboren! Die streng strukturierten Arien und Rezitativen der alten Oper weichen einem Gesang, der sich mühelos zwischen Arie, Arioso (liedhaften Gesang) und „Recitatif accompagné” (begleitetem Sprechgesang) bewegt. Neumodische Klänge wie Chromatik, Sept-, Nonen-, Undezimenakkorde schaffen einen ungekannten harmonischen Reichtum. Rasch wechselnden Rhythmen, die sogar die Zeitung „Mercure de France” lobt, wirken wie die Rhythmen des Rock and Roll der 50er Jahre. 

Der Erfinder dieser neuen Gattung ist Jean Phillipe Rameau (1683-1764). Als Musiktheoretiker in Fachkreisen zwar längst bekannt, gelingt ihm aber erst mit über fünfzig Jahren der Durchbruch: Die Ballettoper Les Indes Galantes” macht ihn über Nacht berühmt und führt dazu, dass er zum Composituer de la Musique du Cabinet du Roy ernannt wird. Während die Lullysten den Untergang der Tradition beweinen, schafft Rameau nun Bühnenspektakel, die wir heute als Mischung aus Revue und Show bezeichnen würden. Opulente bunte Maskeraden, die in praller Aufmachung alles bisher Dagewesene überbieten. Allein zehn Schauspieler, vierzehn Solosänger, vierzig Tänzer, fünfzig Instrumentalisten nebst Chor und einhundertachtzig Statisten werden aufgeboten. Der „Mercure de France” berichtet: „Der Erfolg des Werkes ist dem Ruf des berühmten Komponisten gerecht geworden, der nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa zu Recht als der größte seines Faches gilt.” (Und wer den Schlußapplaus der Aufführung in Zürich 2003 sieht, kann die damalige Begeisterung sofort nachvollziehen).

Fast möchte man spekulieren, wie die Musik heute ohne ihn aussehen würde. Denn Rameau, der in den Augen seiner Zeitgenossen „soviel unverständliche Visionen und apokalyptische Wahrheiten über die Theorie der Musik schrieb” (D.Diderot), verdanken wir unser harmonisches System. Dreiklänge bekommen auf einmal Umkehrungen, „l’accord tonique“ wird zur Tonika und damit Bezugspunkt allen harmonischen Geschehens. Und die Dissonanz, die eine „certaine amertume” (gewisse Herbheit) ausstrahlt und bisher nur der Dekoration diente, wird zur Antriebsfeder der harmonischen Bewegung.

Die Dissonanz wird zum Markenzeichen Rameaus und veranlaßt den Philosophen Diderot zu dem Nachruf: „Solange nur die Glocken, mit denen man ihn zu Grabe trägt, hübsch die Duodezime und Septdezime nachklingen, so ist alles recht.” 


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