Viva il carnevale

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„Der Karneval beginnt am 5. Oktober, und dann gibt’s noch einen kleinen zu Himmelfahrt. Danach kann man auf gut sechs Monate rechnen, wo hier alle Welt maskiert geht, Priester und Laien, selbst der Nuntius und der Türschliesser der Kapuziner. Denken Sie nicht, dass ich im Scherz rede. Maske gehört zum Anzug.” (Charles de Brosse, 1739)

Die Lagunenstadt hatte dem wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Aufschwung und Wandel in Europa nur Stagnation und Krise entgegenzusetzen. Die Erstarrung der internen Ordnung, militärische Niederlagen und territoriale Verluste ließen sich am besten in ausgedehnten Feiern und hinter Masken ertragen und verdrängen. Luxuskonsumenten waren die venezianischen Kaufmannsadeligen schon sehr früh gewesen. Doch vom 13. bis zum 16. Jahrhundert waren ihre überaus prächtigen Paläste immer auch Ausdruck optimistischer Zukunftsinvestition gewesen. Ab dem 17. Jahrhundert änderte sich das: Ihre Nachfahren begannen, ihre Vermögen für sich selbst zu verschwenden – für den Augenblick und die Attraktion des Scheins.

Sie veranstalteten Spiele, Regatten, Redouten, Bälle, ließen Feuerwerke entflammen und Luxuskulissen erbauen. Auf der Piazza und den Campi schossen Buden und Zelte aus dem Boden, die Wunderwelt der Jahrmärkte überraschte und verzauberte Reich und Arm. Zauberer, Taschenspieler, Marionettentheater, Musikanten, Tänzer, Seiltänzer, Feuerschlucker – jeder nur denkbaren Sensation konnte man im Karneval begegnen. Die ganze Gesellschaft verschwand hinter der Maske der Dekoration.

Und das bot vielen die Chance ihres Lebens: Wer kunstvoll tanzte, sang oder musizierte, konnte sich Zutritt zu den reichsten Häusern verschaffen und damit eine sozial angesehene Position erwerben. Diese Art von sozialem Aufstieg wäre in unmaskierten Zeiten nie möglich. Hinter der Maske waren alle gleich.

Goethes Reiseführer beschreibt das Outfit so: „Die venezianische Maske besteht in einem Mantel von schwarzer Seide, wie die Abbeemäntel, auf dem Kopfe trägt man eine Kappe, welche den Kopf bis ans Kinn bedeckt, und bis über die Schulter hinab geht. Das Gesicht ist mit einer weissen Wachsmaske bedeckt, welche bis auf den Mund geht, und man setzt einen weissen Federhut dazu auf.

Alles stimmt bey ihnen auf den Hauptzweck, die Wollust, bis auf ihre Gondeln, die die vollkommenste Lage zum bequemsten Genuss anbieten; einen weichen Polster für den Hintern, der den Wollusttheilen völligen Raum und alle Freyheit lässt, und zwey Bänke daneben, die Beine darauf auszubreiten.”

Daran hat sich bis heute nichts geändert… Nun ist sie wieder da, die Maskenzeit, in altersloser Pracht, die bis zum martedi grasso währt, dem fetten Dienstag. Um Mitternacht wird dann mit schwerem Klang die Fastenglocke vom Campanile schlagen. Aber bis dahin ist ja noch viel Zeit…

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