Hure oder Heilige

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„We cannot but be oblige’d to the Fair Sex for that Invention.“ (Wir müssen zugeben, dass wir dem schönen Geschlecht diese Erfindung zu verdanken haben.
J. Chr. Pepusch über Barbara Strozzi.)

Die Verknüpfung von Rezitativ und Arie, die eine Oper erst zu einem tragfähigen Ganzen macht, sei dem schönen Geschlecht zu verdanken? Wo es im frühen Barock doch nur zwei Möglichkeiten für eine Frau gab, Musik zu machen: im Kloster oder als cortigiana onesta, als „anständige Kurtisane“. Barbara Strozzi 1619-1677 gehörte zu ihnen. Diese kulturell überhöhte und gesellschaftlich anerkannte Form der Prostitution war typisch für die venezianische Kultur jener Zeit. Frauen war außerhalb des Klosters der Zugang zur Musik verschlossen.

Venedig um 1630

Die Serenissima war angeschlagen.
Das osmanische Reich erstarkte mit beängstigender Schnelligkeit. 
Der niederländische und britische Schiffsbau entwickelte sich rasant. Nach der Entdeckung des Seewegs nach Indien gründeten beide Länder Kompanienieder-lassungen in Asien.
Seit der Entdeckung der Neuen Welt durch Kolumbus war die Welt größer geworden und Venedigs Einfluss eindeutig geschrumpft.
Im Kampf gegen den deutschen Kaiser und die mit ihm verbündeten Spanier verlor Venedig ca. 14.000 Soldaten. Damit nicht genug:
Die Pest forderte 1630 allein im Monat November ca. 15.000 Opfer.

Die Stadt war am Ende. Für die einen half nur noch der Bau einer neuen Kirche, Santa Maria della Salute, für die anderen der Rückzug in die Privatsphäre.

So sah die Welt aus, in die Barbara Strozzi hineingeboren wurde. Uneheliche Tochter eines selbst unehelich geborenen Vaters – das klingt nicht nach aussichtsreichen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Leben. Doch die Strozzi hatte Glück: sie erhielt eine musikalische Ausbildung höchsten Ranges, hatte Zugang zu literarischen Zirkeln und zur Theaterszene. Ihre Bühne waren die bürgerlich-intelektuellen Akademien, in denen der solistischen Gesang blühte. Dass hier eine Frau nicht nur der leitende Mentor war, bei den Treffen selbst konzertierte, sondern auch die Diskursführung leitete und Preise verlieh, zeigt ihre ungewöhnliche Bedeutung. Ihr Kompositionsstil ist von großem dramatischen Gestus, der von der Sängerin eine enorme Wandlungsfähigkeit der Stimme erfordert und ihre Lieder heute noch beliebt macht. Der außerordentlich differenzierte und geistreiche Umgang von Text und Stimme läßt umgekehrt auch auf das Niveau der Zuhörer solcher Akademien schließen. 

Sie schrieb mehr als 125 Werke in acht Bänden, die – und auch das zeigt ihre Bedeutung – alle veröffentlicht wurden.   Mal sehen, was der Gott des Schlafes bringt:  bild-2_06 Amor Dormiglione

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