Keine Zeit für schöne Töne!

 

Vorderer Orient heute

Religiöse Auseinandersetzungen zwischen Anhängern verschiedener Glaubensrichtungen sind an der Tagesordnung. Krieg um Glauben ist immer auch politische Auseinandersetzung um Städte und Land. Je fundamentalistischer die Überzeugungen, desto strikter regieren die Machthaber. Macht und Recht wird direkt aus heiligen Schriften abgeleitet und ist daher unantastbar. Keine Zeit jedenfalls für Kultur und Musik. Das ist nichts Neues in der Geschichte und so ähnlich vor gar nicht langer Zeit bei uns geschehen …

England um 1600

Jakob I., Sohn der Maria Stuart, wird 1603 zum englischen König gekrönt. Bei seinem Amtsantritt währen die religiösen Auseinandersetzungen in England schon fast Hundert Jahre. Vereinfacht gesagt: England hatte sich erst der Reformation dann wieder dem Katholizismus schließlich wieder der Reformation zugewandt.  

Das Land ist in allgegenwärtigem Aufruhr: Puritaner, Anglikaner, Presbyterianer, Calvinisten, Quäker und Katholiken, Royalisten und „Levellers“ (eine Art früher Kommunisten) –  jeder schwenkt auf seiner Fahne das Kreuz und jeder kämpft für den einzig wahren Glauben.

Jakob I. versteht sich als König von Gottes Gnaden: jede staatliche Gewalt ist von Gott verliehen (Deo gratia) und ein Widerstand gegen sie stellt einen Verstoß gegen den Willen Gottes dar. 

1605 kommt es zum Gunpowder Plot: mit 2,5 Tonnen Pulver versuchen Katholiken das vorwiegend protestantische Parlament mitsamt seinem König in die Luft zu sprengen. Das Attentat wird vereitelt. (Das Gedenken daran ist aber so tief verwurzelt, dass das Scheitern des Komplotts heute noch gefeiert wird!)

Der strenge Calvinismus kleidet sich in eine neue, bürgerliche, fromme Sittenstrenge. Das Bangen um das Schicksal nach dem Tode macht diese Generation eintönig, streng und traurig, aber auch charakterstark. Der Prunk der Hochkirche ist ihr ebenso anstößig wie die frivole Eleganz höfischen Treibens. Einen kunstbeflissenen König versteht sie nicht: In Jakobs Auftrag wird 1611 die erste englische Bibelübersetzung gefertigt, die bis heute unter englischsprachigen Christen in Gebrauch ist. Doch der „weiseste Narr der Christenheit“ hat weder das Geschick noch die Klugheit zu verhindern, dass sein Land direkt in die Militärdiktatur eines Oliver Cromwell läuft. 

Was für eine Musik kann in solch einer Zeit politischer Wirren und kultureller Restriktionen entstehen? Viele Komponisten hatten England längst verlassen, denen die bleiben, werden immer strengere Auflagen gemacht. Werke für kleine Besetzung entstehen. Für das Virginal, einem transportablen Mini-Cembalo: Es ist bequem auf den Tisch zu legen, hat einen intimen, zarten Ton und stört keine sittenstrengen Nachbarn. Es entsteht das Fitzwilliam Virginal Book, das nach dem Old Hall Manuscript die umfangreichste Sammlung englischer Musikwerke darstellt. William Byrd, (1543-1623) berühmtester Komponist dieser Tage, will mit seiner Musik „verschiedene Stimmungen befriedigen“. Wie unterschiedlich man seiner Musik verstehen kann, zeigen zwei Aufnahmen des  bild-2_06 Hugh Aston’s Ground.

Vor allem schreibt Byrd Lieder, Ayres, deren traurig-expressive Kraft vor allem durch die Stimme zum Ausdruck kommt, wie das folgende Lullaby eindrucksvoll zeigt:  bild-2_06 „My sweet little baby, what meanest thou to cry?“

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