Das grosse Abnehmen

1618-1648 Wir sind mitten im Dreißigjährigen Krieg. Für uns ist es kaum vorstellbar, welche Auswirkungen er auf das politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben hatte. Nicht nur die  Musik war „in grosses Abnehmen gerathen“, vielerorts werden ganze Landstriche entvölkert, die Einwohnerzahl sinkt um mehr als die Hälfte. Manche Regionen brauchen mehrere Generationen, um sich wirtschaftlich von dem Ruin zu erholen. Es geht um die Hegemonie zwischen den Mächten Europas und um Religion. In der Politik gehören Namen wie Wallenstein und Richelieu hier her, in der Musik Heinrich Schütz (1585-1672).

Der virtuose Umgang mit Stimmen, die variable Handhabung verschiedener Besetzungen, von einstimmigen kleinen Konzerten bis zu mehrchörigen Werken, führen dazu, dass er bald schon als hervorragendster Musiker seines Jahrhunderts (saeculi sui musicus excellentissimus) bezeichnet wird.

Was geschieht in dieser Zeit des Frühbarock, wie diese Epoche auch genannt wird, sonst noch?

1613 Galilei behauptet, dass die Bibel keine naturwissenschaftlichen Probleme entscheiden könne und verursacht damit den ersten Inquisitionsprozeß gegen sich (formell rehabilitert wird er erst 1992).

1617 wird die erste Wochenzeitung Berlins gedruckt und 1619 die Hamburger Girobank gegründet.

Wie vertraut es doch klingt: 1623 werden Steuersenkungen für Kinderreiche beschlossen und die ersten Flugblätter gegen das Tabakrauchen verteilt. Und dass „Corporate Wording“  keine Erfindung unserer Zeit ist, beweist das „Traktat, wie man aus einem Brief die Natur und Qualität des Schreibers erkennt und damit umgehe“ 1623 von Camillo Baldo.

1636 Die Einführung der Chinarinde aus Amerika in die europäische Medizin vermindert allmählich die Malaria. Die ersten Quecksilberthermometer werden hergestellt. 

Im fernen Lhasa wird 1645 mit dem Bau der Residenz des Dalai Lama begonnen.

1644 Der französische Philosoph Descartes beendet seine Abhandlung „Principia Philospophiae“ mit den Worten: „Cogito, ergo sum“. (Ich denke, also bin ich).

In Venedig werden die ersten Kaffeehäuser gebaut, in Hamburg entsteht der Jungefernstieg als Promenade und in Berlin wird eine Verbindung zwischen Tiergarten und Schloß hergestellt, sie heißt „Unter den Linden“.

In der bildenden Kunst kennen wir Rembrandt, Vermeer, Velasquez und vielleicht sogar die kuriosen Männlein eines Giovanni Battista Bracelli.

Am Hofe zu Dresden ist Heinrich Schütz für die geistliche wie weltliche Musik zuständig. Bei damaliger Unterhaltungsmusik wurde oft genug allerdings nur der Text notiert, die Musik dazu – genauso wie im Jazz unserer Zeit –  improvisiert. 

Um den Anschluß an die Entwicklung nicht verlieren, besucht Schütz zweimal Italien und bringt jedesmal neue Impulse für sein eigenes Schaffen mit. Allerding verschlechtern die Kriegswirren die Arbeitsbedigungen der Dresdner Kapelle derart, dass man mit der Versorgung und Bezahlung der Musiker immer größere Schwierigkeiten hat, und „… die löbliche Music von den anhaltenden gefährlichen Kriegs-Läufften in unserm lieben Vater-Lande an manchem Ort gantz niedergeleget worden“  ist. Verständlich, dass Schütz jedesmal begeistert  Angebote aus dem Ausland annimmt: Als dänischer Oberkapellmeister ist er in Kopenhagen und als Berater in Hannover, Wolfenbüttel, Gera und Weimar tätig.

Heute sind eher die geistlichen Musiken des Heinrich Schütz bekannt. Aber er selbst verstand seine Aufgabe viel mehr darin, Musik zu außergewöhnlichen Ereignissen, wie großen Hoffesten oder politischen Ereignissen zu schreiben. 

Das heutige  bild-2_06Musikbeispiel  hat den für die Zeit so bezeichnenden Text: Unser Leben währet siebzig Jahr und wenn’s hoch kömmt, so sind’s achtzig Jahr, und wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Müh‘ und Arbeit gewesen.


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