Mit lallender Zunge

Und thu also dem trewherzigen Leser / das er mit lallenden Zungen anstimme Lobgesenge / dero aller hoechsten Majestedt  zu Lob / Ehr und Preiß / mit unaufhoerlichen Stimmen danckbarlich / und in alle Ewigkeit singen moege.
 praetorius11572-1621

Wir sind mitten im Elisabethanischen Zeitalter:
Von dem neu gegründeten Staat „Virginia“ in der Neuen Welt bringen die Kolonisten Tabakpflanzen und damit das Rauchen nach England, Sir Walter Raleigh verdanken wir die Kartoffel, die er aus Südamerika nach Europa brachte.

Am französischen Hof werden neue Sitten eingeführt, man ißt jetzt mit der Gabel!

In Italien entstehen Einrichtungen modernen Bankwesens: in Venedig wird die erste öffentliche Girobank gegründet, die Rialto Bank, und in Bologna werden die ersten Schecks. sog. Kassiererbriefe ausgestellt.

1588 geht die spanischen Armada im Kampf gegen die englische Flotte unter Sir Francis Drake unter:  160 Schiffe im Wert von 200 Milliarden Golddukaten versinken. Immerhin gelingt den Spaniern 1609 die Vertreibung der letzten Mauren vom europäischen Festland.

Die Alte Welt expandiert nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten:
1600 wird die Englische Ostindischen Handelskompanie gegründet und
1602 die Niederländische Ostindische Kompanie als erste moderne Aktiengesellschaft. Die Gewinnausschüttung beträgt bis 1780(!) durchschnittlich satte 25% jährlich.

In der Kunst haben wir es mit Peter Paul Rubens zu tun, mit Pieter Brueghel, mit El Greco. In der Literatur macht ein junger Kerl von sich reden, der, anfänglich noch als „upstart crow, beautified with our feathers“ (emporgekommene Krähe, die sich mit unseren Federn schmückt), verunglimpft wird: William Shakespeare.

Die Reformation war längst nicht vorbei, was in den protestantischen Fürstentümern bedeutete, dass hier ein riesiger Markt für musikalische Werke entstanden war. Die alten katholischen Gesänge konnten nicht einfach übernommen werden und der Bedarf an neuen war enorm.

Michael Praetorius stand zunächst in Diensten des Herzogs von Braunschweig, später des Kurfürsten zu Dresden. Als „global Player“ war er auch in Kassel, Regensburg, Prag, Kopenhagen als musikalischer Berater tätig – Reisen von insgesamt etwa 10.000 Kilometern. Außerdem trat er als Leiter von Festmusiken, „Events“ in großem Stil, hervor, unter anderem in Naumburg, Halle, Halberstadt, Kassel und Darmstadt.  Seine Bedeutung für das musikalische Leben im deutschen Protestantismus bestand vor allem darin, dass er die Einflüsse aus Italien, die schrägen Töne eines Gesualdo, die neue Ausdrucksästhetik eines Monteverdi in eine der Reformation adäquate Sprache brachte.

So schuf er eine Sammlung von Kirchenliedern, die kleinen Chören Zugang zur venezianischen Klangpracht ermöglichten. Sie fanden, vor allem wegen der deutschen Texte, schnell Verbreitung im deutschsprachigen Raum. Den meisten dürfte auch heutzutage noch die Weise des Weihnachtsliedes „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ vertraut sein. 

Sein Syntagma musicum wird heute noch als aufschlußreichtstes Musikkompendium seiner Zeit verstanden. Neben musiktheoretischen Abhandlungen legte er darin vor allem die genaue Instrumentierung seiner Werke fest. Das, was er schrieb, wurde somit verbindlich. Den meisten seiner Kollegen hingegen war es nicht so wichtig, welches Instrument welche Stimme in ihren Werken übernahm. 

Dass auch an protestantischen Höfen getanzt wurde, zeigt diese bild-2_06Volte de Tambour von Praetorius.

brueghel

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