Orpheus britannicus

Schulaufführungen haben ja eher den Ruch des Rührenden. Dass ausgerechnet in einem Mädchenpensionat Musikgeschichte geschrieben werden sollte, konnten die Ausführenden des Semesterabschusses 1689 nicht ahnen. Der Leiter eines Internats für adelige Fräulein in London-Chelsea beauftragte einen jungen, keineswegs berühmten Komponisten, ein schultaugliches Stück zu schreiben.

Der unbekannte Musiker hieß Henry Purcell. Er lieferte eine dreiaktige Oper mit durchgehender Handlung, klaren Rollenprofilen und gesungenen Rezitativen. So unspektakulär die erste Aufführung war, so wirkungslos blieb zunächst Dido and Aeneas, die heute als Meilenstein der Operngeschichte gilt.

Worum geht es?

1. AKT: Nach der Zerstörung Trojas wurde der trojanische Prinz Aeneas beauftragt, nach Italien zu segeln, um dort ein neues Reich aufzubauen. Durch einen Sturm gelangt er nach Karthago, begegnet der Königin Dido, verliebt sich in sie und verschiebt seinen eigentlichen Auftrag auf unbestimmte Zeit. 

2. AKT: Eine böse Zauberin will das private Glück Didos und Karthago zerstören. Also schickt sie einen vermeintlichen Götterboten zu Aeneas, der diesen an seinen Auftrag erinnern soll. Ohne Dido davon zu berichten, entschließt sich Aeneas zur Abreise.

3. AKT: Die Zauberin frohlockt und sagt die Zerstörung Karthagos am nächsten Tag voraus. Aeneas versucht, vor Dido seine Abreise zu rechtfertigen. Sie ist tief verletzt und weist ihn ab. Nach seinem Weggang ist für sie ein Weiterleben nicht mehr möglich. 

In Didos Schwanengesang erreicht diese „Tragic opera“ den Punkt höchster Intensität.
Zum Vergleich hier zwei verschiedene Aufnahmen von Didos letzten Worten: Remember me, but ah! forget my fate!

Mit den bild-2_06English Baroque Soloists und mit den bild-2_06St. James Baroque Players

Purcell war mit seinen Werken stets auf der Höhe seiner Zeit: er verband französische Einflüsse mit traditionellen englischen Formen und wandte z.B. in Didos Eingangsarie zum ersten Mal die aus der venezianischen Oper stammende Da-capo-Form an. 

Mit nur 36 Jahren starb er und mit ihm die Erinnerung an seine Werke, doch dem triumphalen Einzug der italienischen Barockoper stand nun nichts mehr im Wege.
Erst sein bedeutender englischer Nachfolger, Benjamin Britten, sagte im 20. Jahrhundert: „Bevor ich Purcells Musik kennenlernte, hatte ich nicht gewußt, daß man Worte mit solch einer Genialität, mit solchen Farben vertonen kann.“

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