Aus den Ohren – aus dem Sinn?

Wie klang Musik vor 300 Jahren? Vor 700, vor Tausend?

Stücke der Komponisten, die in den letzten Artikeln erwähnt wurden, aus der Zeit zwischen 600 und 1500, zum Schmökern und Kennenlernen.

Fangen wir mit der Gregorianik an: Es handelt sich dabei um Gesänge, die etwa seit dem Jahr 600 zum festen Repertoire der Messe gehören und nach Papst Gregor benannt wurden. Aus dem berühmten englischen Old Hall Manuscript hier das Beispielbild-2_06 Alma redemptoris. Ganz dem Verständnis der Kirche entsprechend, sollte die Musik eines ausdrücken: Erhabenheit.

Als die Musik sich ein paar Hundert Jahre später zur „Ars“ gemausert hatte, war Guillaume de Machaut ihr prominentester Vertreter in Frankreich. Er verstand es, die volkstümliche und künstlerische Musik in seiner Messe de Nostre Dame so zu verbinden, dass man noch heute leicht bild-2_06Verbum bonum et suave mitsingen kann. 

Zur gleichen Zeit kümmerte sich England herzlich wenig um die neumodische kontinentale Kunst: John Dunstabel, Universalgelehrter im Inselreich, ging musikalisch mit bild-2_06Veni sancte spiritus ganz eigene zukunftsweisende Wege: die konstante Harmonik seiner Werke wird sich später in der Musik von Willaert und di Lasso wiederfinden. 

Ein unbekannter Komponist der Insel pries auf seine Weise die Himmelskönigin, bild-2_06Benedicta es celorum, als ginge ihn der ganze Gelehrtenstreit gar nichts an. 

Die Erfindung der „weißen“ Notenköpfe ermöglichte, in der Notation noch genauer die Tondauern anzugeben. Als ihr Schöpfer gilt Guillaume Dufay. Aus seiner Missa Sancti Jacobi hier der bild-2_06Introitus, der ursprünglich den Einzug der Meßdiener begleitete. Wer weiß, wie langsam sie gingen? Denn wer hier mitsingen will, braucht einen langen Atem!

Johannes Ockeghem wurde von den Größen seiner Zeit gelobt, besungen und verehrt. Wer dem bild-2_06Introitus seines Requiems zuhört, braucht eigentlich eine Kathedrale: um mit den Klängen im Raum zu fliegen. Sicherlich nach oben.

Es gehörte zu den Aufgaben eine Komponisten, in allen Stilrichtungen bewandert zu sein. Und so hat auch Josquin Desprez, obwohl er Priester war, neben geistlichen auch weltliche Kompositionen verfaßt. Oft genug ist die Lyrik eines Liebesliedes von der eines bild-2_06Mariengesangs auch gar nicht zu unterscheiden. Und so konnten auch die Priester mit gutem Gewissen schwärmen…

Clément Janequin ist ein Meister der Tonmalerei. Getümmel und Gewimmel, Fanfaren und Hufgetrappel kann man in der Kriegsbeschreibung bild-2_06La Guerre heraushören. Wer hier keine Schlacht vor Augen hat, dem ist auch mit einer Verfilmung nicht zu helfen.

In bild-2_06Madonna mia fa von Adrian Willaert wird deutlich, was den musikalischen Beginn der Neuzeit markiert: die Harmonik, der Zusammenklang, gewinnt an Bedeutung vor der polyphonen Verflechtung der Stimmen. Es klingt schon fast heimatlich.

Auch Orlando di Lasso, Kosmopolit und Grandseigneur, bevorzugte die Homophonie, (den harmonischen Zusammenklang der Stimmen) und erzeugte durch blockartige Gegenüberstellung zweier Chöre neue dramatische Wirkung.  bild-2_06Une puce j’ai dedans l’oreill‘ helas! Verflixt, ich habe einen Floh im Ohr! Man muß es einfach hören.

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2 Responses to “Aus den Ohren – aus dem Sinn?”


  1. 1 Florian Dienstag, 18, November, 2008 um 5:34 pm

    Hallo Susanne,

    nunja, Musik ist doch stets der Ausdruck aktueller Umwälzungen und Gefühle. Dadurch wird sie aber auch zur einzigartigen „Gefühlschronik“ der Menschheit, denn viele Musikrichtungen sind uns bis heute übertragen und einige haben sogar bis heute nichts von ihrer Zauberhaftigkeit verloren, gregorianischer Gesang, zum Beispiel.

    Ich habe selber 7 Jahre Geige gespielt und fühle mich mit klassischer Musik „Pudelwohl“. Eben noch durch ein paar Videos zu klassischer Musik auf Einapplaus, einem Präsentationsportal für Bands und Musiker geklickt – sehr beeindruckende Pianistinnen!

    Interessanter Blog, gefällt mir!


  1. 1 Keine Zeit für schöne Töne! « Der fortepiano Klassik-Blog Trackback zu Sonntag, 25, Januar, 2009 um 5:56 pm

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