Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen?

Kaum hatte die Musik den selbstbewußten Titel Ars angenommen nannten die „Jungen“ ihre Kunst Ars nova und die der Väter Ars antiqua. Was war geschehen?

ab 1300

In Frankreich fand die Musik in den universitären, großbürgerlichen und aristokratischen Zirkeln statt. Träger dieser Kultur waren Kenner und Liebhaber und Paris bildete das kulturelle Zentrum. Ein harmonisch feinsinnig durchkonstruierter, französischsprachiger Liedsatz bildete die repräsentative Kompositionsform. Vor allem das geistig Kunstfertige, Stilisierte, der Erfindungsreichtum und die Mannigfaltigkeit verdienten höchste Anerkennung. Prominentester Vertreter diese Zeit war Guillaume de Machaut: mit über 100 weltlichen Werken verhalf er dem Lied zu enormer Wertschätzung und seine vierstimmige Messe ist heute noch einzigartig.

Im Italien des sog. Trecento waren die Signori mit ihren Höfen Kulturträger. Es waren Aristokraten, lokale Grundbesitzern und Kaufleuten adeliger und bürgerlicher Herkunft. Eitelkeit war, wie immer in der Geschichte, auch hier eine mächtige Antriebskraft: Das Bestreben der Signori nach Geltung und Repräsentation hatte zur Folge, dass die Künste gefördert wurden. Die Musik diente der geselligen Unterhaltung und war gekennzeichnet durch eine sinnlich reizende Oberstimmenmelodik und eine Begleitung, die ihr in schönem Zusammenklang diente. Anders als in Frankreich wurden das sinnlich Schöne, Ungekünstelte, das gesellig Ansprechende, das Natürliche in Sprache und Form geschätzt. Kulturelle Zentren waren Florenz, Mailand, Verona und Padua. Bekanntester Musiker der Zeit war Francesco Landini, ein Universalgelehrter, der sich als Organist, Textdichter, Sänger, Orgelfachmann und Instrumentenbauer hervortat und auch in musiktheoretischen, philosophischen und ethischen Fragen große Bildung bewies. Über 140 mehrstimmige Ballata und andere Stücke sind überliefert. Es war die Zeit eines Dante Alighieri, (Divina commedia) und eines Francesco Petrarca, (Decamerone).

In England wurde die neue Ars nicht gepflegt, wir kennen keine großstädtischen Zirkel von Kennern und Liebhabern wie in Frankreich, es bestand nicht wie in Italien das Bedürfnis nach gebildeter Unterhaltung: Hier pflegte man immer noch die kirchliche und geistliche Musik auf Latein, bodenständig und traditionell. Daß von hier Impulse auf das Festland ausgehen sollten, die die Musik auf revolutionäre Weise erneuern würde, konnte noch keiner ahnen. Der Name eines Komponisten muß hier fallen: John Dunstable, der als Fürst der Musik bezeichnet wurde und sich als Mathematiker wie als Astronom profilierte. Nach dessen Tod wurde es in England, wie es in Handschins Musikgeschichte humorvoll ausgedrückt ist: „…für längere Zeit recht windstill“.

In Deutschland war es die ganze Zeit über windstill… 

Die einen waren von der neuen Entwicklung begeistert, die anderen jammerten: „O daß sich doch die moderni Cantores entschließen würden, die Ars antiqua, die Cantus antiqui zurückzurufen. Denn wozu nur taugt die aufreizende Gekünsteltheit des Singens, bei der der Text verdorben, die Geltung der Noten verändert und die Mensura in Unordnung gebracht wird?“ War das nur ein Generationenbruch? Jacob von Lüttich, der dies schrieb, war zu dem Zeitpunkt zwar „ein Greis, und die, gegen deren Neuheiten ich mich wende, jugendhaft.“ Aber warum ereiferte sich dieser Mann so, wo doch keiner der „Moderni“ abschätzig über die Ars antiqua gesprochen hatte? Der Gedanken liegt nahe, dass noch jemand anderes dahinter steckte, dem diese machtvolle Veränderung der Musik gar nicht gefallen durfte: Papst Johannes XXII. Er ließ in der Constitutio Docta sanctorum „unter Strafandrohung das bereits geschehene Eindringen der musikalischen Neuerungen der Ars nova“ aus dem Gottesdienst verbannen. Wesen der Kirchenmusik sei die „maßvolle Würde“ (modesta gravitas). Hier wurde zum ersten mal in der abendländischen Geschichte Kunst und Kult gegeneinander gestellt. Die Ars nova war nicht auf Würde und Andacht (devotio) bedacht, sondern Ausdruck einer Freiheit des Geistes, die dem Papst naturgemäß nicht recht sein konnte.

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