Vom Kloster in die Kathedrale

Im Verlauf der Geschichte gibt es immer wieder Entwicklungen, die nur für kurze Zeit Bestand haben. Manche sind zu sehr an den Geschmack einer Epoche gebunden, manche an eine Region.

Anders war es mit der Mehrstimmigkeit. Einmal erfunden, verbreitete sie sich wie ein Lauffeuer. Es entstanden unglaublich viele Varianten, die, mal spielerisch und spontan, mal logisch und rational, mit dieser neuen Ausdrucksform umgingen. 

Der cantor in wohlgesetzten Weisen, der musicus in theoretischen Traktaten, der trouvère im Minnesang: – allen Varianten gemeinsam ist die neu gewonnene Freiheit des Ausdrucks. 

ab 1200

ging eine zweite Welle der Emanzipation der Musik durch das Land:

Die Musik, die aus dem monastischen Bereich des Klosters gekommen war, wanderte in den städtischen Bereich der Kathedralen. 

Vorangetrieben durch Eroberungskriege und Kreuzzüge, die eine bis dahin ungekannte Menge von Menschen durch Europa trieben, bildeten sich an Verkehrs- und Handelsknotenpunkten die ersten Städte. Zünfte entstanden, eigenständige Körperschaften von Handwerkern, zur Wahrung gemeinsamer Interessen. Juristischer Ausdruck der neu entstandenen Freiheit dieser „Stände“ war, dass diese Städte keinem Fürsten, sondern direkt dem Kaiser unterstanden, eine eigene Gerichtsbarkeit, Zoll- und Münzrecht besaßen. Weithin sichtbares Wahrzeichen der neuen Selbständigkeit waren die Kathedralen, die die Silhouette der Stadt bestimmten. Die Zünfte gaben den Auftrag für die Gestaltung der Bilder und Figuren und so kam es, dass in der Kathedrale von Notre-Dame de Semur keine Heiligen mehr dargestellt wurden, sondern die Herstellung von Wollgeweben! 

In den Städten bildeten sich Sängervereinigungen, in denen Bürger, Geistliche und berufliche Spielleute auftraten und Wettstreite veranstalteten. Der Kreis der Kenner und Liebhaber wurde zur neuen kunsttragenden Schicht. Das Musikverständnis wandelte sich: aus der mathematisch orientierten Compositio (lat. Zusammensetzung) wurde die Musik zur Ars (lat. Kunst).

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