Das Instrument der Mächtigen wird zum machtvollen Instrument

Mit großer Selbstverständlichkeit gehen wir heute davon aus, dass Musik mehrstimmig ist. Alles andere erscheint uns monoton und eher primitiv. Vor allem durch die weltweite kommerzielle Verbreitung westlicher Musik wurde Mehrstimmigkeit zum Standard und nur den wenigsten ist klar, dass es sich hier um eine ureigene abendländische Errungenschaft handelt. Möglich wurde sie allerdings nur durch eine zweite abendländische Erfindung: die Notenschrift.

Und das kam so:

um 750  … und wie immer ging es um Macht:

Als Pippin zum König der Franken gewählt worden war, ließ er sich vom Papst die Wahl bestätigen und damit die Karolinger als Königsgeschlecht legitimieren. Als Gegenleistung dafür eroberte Pippin das Langobardenreich und schenkte es dem Papst. 

Sollte sein eigenes wachsendes Reich nicht gleich wieder zerfallen, mußte Pippin es in eine einheitliche Organisation binden. So benutzte er die Struktur jener Institution, die schon eine eigene Infrastruktur hatte: die der Kirche. Musikalischer Ausdruck ihrer Geschlossenheit waren die seit etwa dem Jahr 600 vereinheitlichten liturgischen Gesänge. Dies machte sich Pippin zunutze: Er ersetzte den bis dahin gebräuchlichen Cantus gallicus (= fränkischer Gesang) durch die Cantilena romana (= gregorianischer Choral). Karl der Große verschärfte später diesen Erlaß, so dass jeder Stamm, der unterworfen und zwangschristianisiert wurde, auch musikalisch wußte, wessen Lied hier nun gesungen wurde.

Die Ausbreitung dieser festgelegten Choralgesänge erforderte eine für alle verbindliche Version, d.h. eine fixierte Form, die transportabel war: eine Notenschrift wurde gebraucht. 

Gleichzeitig bedeutet Vereinheitlichung aber auch immer Erstarrung, der Choral war unantastbar geworden. Doch offensichtlich war das Autonomiebestreben der einzelnen Volksstämme im neuen Frankenreich stärker als diese erste Globalisierungswelle. Und so entstand über dieser festgelegten Choralschicht eine neue zweite Schicht liturgischen Gesangs. Die Mehrstimmigkeit war geboren. Der Musikhistoriker H.H. Eggebrecht formuliert es so: „Was hier entstand, nach einem System von Regeln, war von großer geschichtlicher Kraft. Von hier aus, dem Zusammenfügen mehrerer Stimmen, der Verbindung von Melodie und Klang, begann sich die Musik zu einer eigenständigen Kunst zu entfalten.“  

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