Von röhrenden Rittern und singenden Scholaren

„Vom Tuten und Blasen keine Ahnung haben“ ist eine Redewendung, die Ahnungslosigkeit unterstreicht. Aber mal ehrlich: Wie viel Ahnung vom Tuten und Blasen, vom Singen und Musizieren vergangener Tage haben wir tatsächlich? Ein kleiner Überblick möchte helfen, „history in a nutshell“ sozusagen – heute mit der ersten Nuss:

700-800 n. Chr.

Während in Mitteleuropa noch alle möglichen Stämme, in Kriege und Fehden verwickelt, um Land und Herrschaft kämpften, galt Byzanz mit ca. 500 000 Einwohnern als größte Stadt der damaligen Welt und blickte gelassen auf eine traditionsreiche Geschichte zurück. Und so ist es kaum verwunderlich, dass die erste Orgel auf mitteleuropäischem Boden aus Byzanz kam: Konstantin V. schenkte sie Pippin zur Festigung der politischen Beziehungen zwischen dem byzantinischen und fränkischen Reich.

So nahm die Verbreitung dieses Instruments ihren Anfang: Karl der Große ließ die Orgel nachbauen und schenkte sie der Sängerschule in Aachen.

Soweit wir wissen, wurde ausschließlich im liturgischen Rahmen gesungen, von Liedern der Kämpfer auf den Schlachtfeldern ist zumindest nichts überliefert…

800-900 

Von St. Gallen aus verbreitet sich der Gregorianische Choral, benannt nach Papst Gregor I., der die textliche Neuordnung der römischen Kirchengesänge veranlasst hatte. Und zum ersten mal wird in „De harmonica institutione“ auch die Mitwirkung von Instrumenten bei der Ausführung des Chorals erwähnt. 

Die Orgel findet als kirchliches und weltliches Instrument schnell Verbreitung. Miniaturen zeigen auch das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten wie Harfe und Psalter. 

900-1000

In der Architektur wird diese Epoche als „romanische“ bezeichnet, ein berühmtes Beispiel dafür ist der Dom zu Speyer. Die Orgel hat mittlerweile große Verbreitung gefunden: in Winchester gibt es bereits eine ungewöhnlich große mit 400 Pfeifen, die von zwei Mönchen gespielt wurde. Wieder wird ein Instrument aus Byzanz in Mitteleuropa heimisch: die Fiedel.

Solange Mönche die einzigen waren, die lesen und schreiben konnten, galt ihr Interesse natürlich der Aufzeichnung der eigenen, liturgischen, Musik. Wer hatte damals schon Interesse daran, einen Volkstanz aufzuschreiben?

Der Regensburger Domchor wird zum ersten mal urkundlich erwähnt und aus Byzanz (fast könnte man fragen: von woher sonst?) werden die ersten Neumen (=Notenschrift) überliefert.

1000-1100

Auf einen Gesang von Guido von Arezzo gehen die Notennamen zurück, die heute noch in den romanischen Sprachen verwendet werden: do, re, mi, fa, sol, la, si. Wiederum aus Winchester kommt die Kunde von dem ersten sog. Organum, dem ersten zweistimmigen Gesang. Von nun an ist die Einstimmigkeit überwunden und die Lust am mehrstimmigen Gesang wird in den nächsten Jahrhunderten noch zu erstaunlichen Blüten führen. Währenddessen sind die salischen Kaiser damit beschäftigt, die Königreiche Burgund und Obertalien dem deutschen Reich einzuverleiben, für Kunst und Kultur ist da keine Zeit. 

1100-1200

Von Südfrankreich geht die Bewegung der Troubadours aus, die zum ersten mal weltliche Lyrik auf hohem künstlerischen Niveau verarbeitet. Jongleurs und Ménestrels (Spielleute) sorgen für rasche Verbreitung der neuartigen Gesänge. Die neuen zweistimmigen Modelle, die aus England herübergekommen waren, werden benutzt, um die weltlichen Lieder der Troubadours mit liturgischen zu verbinden.

Die Quadratnotation, die heute noch für den Gregorianischen Choral verwendet wird, wird entwickelt.

Die Mehrstimmigkeit wächst: aus Santiago de Compostela werden im Codex Calixtinus die ersten 3-stimmigen Gesänge aufgezeichnet. Hildegard von Bingen, ein Lichtblick in der deutschen Musiködnis, schreibt ihr Mysterienspiel: Ordo virtutum.

Aus Nordfrankreich kommt die Bewegung der Trouvères, die der weltlichen Lyrik im Chansons de geste nun auch Instrumentalbegleitung hinzufügt. 

Nachdem die europäischen Herrscher drei Jahre mit dem ersten Kreuzzug verbracht haben, kommt pünktlich zu Weihnachten 1199 die Kunde von den ersten 4-stimmigen Gesängen aus der Kathedrale Notre-Dame in Paris. Et voilà!

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