Musik, so grausig, so entsetzlich …

Zufall oder nicht? – Schon am Anfang stand eine Eifersuchtsszene, die eine folgenreiche Geschichte nach sich zog. Beethoven schrieb um 1802 eine Sonate für Klavier und Violine, die er zunächst einem Geiger namens Bridgetower widmete, aber, als „es zur Veröffentlichung kam, gerieten beide sich wegen eines Mädchens in die Haare und Beethoven kratzte Bridgetowers Name aus und schrieb Kreutzers (ein französischer Geiger) ein.“

Auch sonst schien die „Kreutzersonate“ von Anfang an schief eingefädelt. Das Stück war offensichtlich nicht besonders erhebend für die Zuhörer, wie die ‚Allgemeine musikalische Zeitung‘ schrieb: „Man muss von einer Art des ästhetischen Terrorismus befangen oder für Beethoven bis zur Verblendung gewonnen seyn, wenn man in diesem Werke nicht einen neuen Beleg davon findet, daß sich dieser Künstler kapriziere vor allen Dingen um nur immer ganz anders zu seyn, wie andre Leute, wobei weder seine Werke gewinnen können, noch die Welt, noch er selbst.“

Die Kreutzersonate wurde zum Kristallisationspunkt der gleichnamigen Novelle von Leo Tolstoi (von 1889). Ein Ehemann erzählt seinen Mitreisenden auf einer langen Zugfahrt die Geschichte seiner Ehe, deren Ende dadurch besiegelt ist, dass seine Frau mit einem Geiger eben jene Beethovensonate spielt. Der eifersüchtige Ehemann ist von der Musik geradezu entsetzt: „Es heißt, die Musik erhebe die Seele – Unsinn! Sie wirkt auf die Seele weder erhebend noch niederdrückend, sondern erregend. Wie soll ich es Ihnen sagen? Die Musik zwingt mich und das, was meine Wirklichkeit ist, zu vergessen, sie versetzt mich in eine andere Wirklichkeit, die nicht die meine ist; ich habe unter dem Einfluß der Musik den Eindruck, daß ich etwas fühle, was ich im Grunde genommen gar nicht fühle, etwas begreife, was ich im Grund genommen gar nicht fühle. Daher wirkt die Musik so grausig, so entsetzlich.”

40 Jahre später schrieb Leos Janáček sein erstes Streichquartett, das er ebenfalls Kreutzersonate nannte. Er bezieht sich eindeutig auf die Romanvorlage: der 70-jährige verheiratete Komponist schrieb seiner 38 Jahre jüngeren Freundin Kamila Stösslová: „Ich hatte die arme, gequälte, geschlagene, erschlagene Frau im Sinn, wie Tolstoi von ihr schreibt.“  Er schrieb nicht als Moralist, der Ehebruch verdammt, sondern als Mitfühlender. Ihm sei buchstäblich „Note für Note glühend in die Feder gefallen.“ 

Um das Quartett von Janáček dreht sich der Roman Kreutzersonate von Margriet de Moor. Sie nennt ihn zwar „Liebesgeschichte“, doch es handelt sich auch hier wieder um ein veritables Eifersuchtsdrama. Die Protagonisten ähneln der Vorlage von Tolstoi, der Erzählort ist jetzt eine Wartezone auf einem Flughafen. Allein den großen Lehrer Eugene Lehner gab es wirklich. Ihn lässt Moor eine Bemerkung formulieren, die weit über das Eifersuchts-Thema hinausreicht, ein Satz „an niemanden im besonderen gerichtet, mit prophetischer Kraft“: „Don’t play the notes”, sagt er freundlich, „just humanize them.“ 

Ein schöner Gedanke: man fülle Musik mit seinem eigenen Leben und klebe nicht an den vermeintlich vorgegebenen Motiven.

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