Aus dir wird nie ein Pianist

Der Pianist Arthur Schnabel wurde 1882 in Lipnik, einem ärmlichen Dorf, das zum österreichischen Teil Polens gehörte, geboren. Schon früh spielte er die Stücke, die seine Schwester im Klavierunterricht lernte, einfach nach, so dass seine Eltern, als er sieben Jahre alt war beschlossen, mit ihm nach Wien zu fahren, damit er dort vorspielte. Er wurde einigen gut situierten Leuten empfohlen, die ihn während der folgenden acht Jahre finanziell unterstützten und bekam bald Unterricht von Teodor Leschetitzky. Bald darauf erhielt er auch Theorieunterricht von Mandyczewsky, der die rechte Hand von Johannes Brahms war. So verbrachte der junge Arthur seine Tage entweder auf Spaziergängen mit Brahms, in den Musikarchiven mit Mandyczewsky oder im Unterricht mit Leschetitzky. Zur Schule ging er nach eigenen Angaben nur für vier Monate seines Lebens und die hatten wohl keinen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.

Während seine Eltern in die Heimat zurückkehrten, blieb Arthur bei seinen Gönnern und verbrachte seine Tage völlig frei und unreglementiert. Er nahm am gesellschaftlichen Leben der Erwachsenen teil, ging in Oper, Konzerte und zu Gesellschaften. 

Mit sechzehn Jahren beschloss er nach Berlin überzusiedeln und wurde bald dem großen Impressario jener Zeit, Hermann Wolff vorgestellt, der sich für das junge Talent einsetzte. „Das Wichtigste war, daß er ohne große Worte begann, meine öffentliche Karriere zu fördern. Er forderte mich nicht auf, Fotos zur Verfügung zu stellen oder die Presse zu empfangen. Nichts dergleichen. Die heutige Form von Öffentlichkeitsarbeit lag noch weit entfernt. Meine Aufgabe war es zu spielen: und sonst nichts.” Er fing ganz unten an, sein erstes Konzert war mit einer Militärkapelle in Potsdam. „Heutzutage werden Anfänger genötigt, als die schaumgeborene Venus zu erscheinen: vollkommen und unvergänglich – ‘Stars‘ schon beim ersten Auftritt! Das richtet viel Schaden an.”

Bald konzertierte Schnabel in ganz Europa und ab 1921 regelmäßig in den USA. Er spielte als erster alle 32 Sonaten von Beethoven in einem Konzertzyklus und setzte sich vor allem für die Klavierwerke von Schubert ein, die bis dahin im Konzertleben völlig unbekannt waren. Selbstironisch und mit einem Blick auf seine virtuosen Kollegen meinte er, dass er der einzige Pianist sei, dessen zweite Programmhälften genauso langweilig seien wie die ersten, weil er eben dort auch eine klassische Sonate spielte. 

Mit einem ganz eigenen, trockenen Humor beschreibt er in seiner Biographie „Aus dir wird nie ein Pianist” die Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhundert: das Wien, das eine letzte kaiserliche Blüte inszenierte, das letzte Strahlen des zaristischen Rußland, bis die Revolution die Kunst vertrieb, das Berlin der zwanziger Jahre, künstlerische Metropole in Deutschland, bis die braune Gleichschaltung viele vertrieb.

Der Junge, der in einem polnischen Stetl geboren wurde, spielte als erster in den Jahren 1932-37 für His Master’s Voice alle Beethoven-Klaviersonaten ein.

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