Mal lyrisch, mal melancholisch

In einer Sendung des Literarischen Quartetts stellte der Kritiker Reich-Ranicki einmal ein Buch vor, dessen Inhalt er offensichtlich sehr schätzte. Auf den Einwand, dass dies doch keine „grosse” Literatur sei, erwiderte er, das Buch habe ihn zwei Stunden lang auf geistreiche Art unterhalten und das solle doch erst einmal einer der Anwesenden fertigbringen!

Wer die Texte eines Heinz-Ehrhard kennt, weiß, dass Unterhaltung mit Wortwitz durchaus nicht platt, sondern ausgeprochen intelligent sein kann.

Mit der Musik geht es uns genauso. Es kann nicht immer das bedeutende Werk sein, das wir zu jeder Tageszeit gerne hören, mit dem Gewicht einer Matthäus-Passion oder eines Requiems. Manchmal ist es eben genau jene Art von geistreicher Unterhaltung, die angebracht ist.

Die Musik des englischen Komponisten Ernest John Moeran (1894-1950) gehört in diese Kategorie. Intelligent und gekonnt verwebt er musikalische Einflüsse seiner Zeit genauso wie die seines Landes und schafft daraus Miniaturen von ganz eigenem Charme. In der irischen Grafschaft Kerry fühlte er sich am wohlsten und ließ sich von der Musik des Landes inspirieren. So haben viele seiner Kompositionen eine folkloristische Färbung. Er war ein unermüdlicher Sammler von Volksliedern und gehörte wie auch Vaughan Williams der Folk Song Society an.
Bisweilen erkennt man eine Nähe zur Musik des englischen Komponisten Frederick Delius und den französischen Impressionisten, allen voran Debussy und Ravel. Doch Moerans Handschrift findet immer eine ganz persönlichen Stil.
Mit feinem Gespür beschreibt er das bunte Treiben eines Messetages in einer irischen Kleinstadt oder pastorale Stimmungen der Natur genauso wie die düstere, melancholische Stimmung seines Landes.
Auch wenn sein Stil zu Lebzeiten schon als überholt bezeichnet wurde, gehört er sicher in die lyrische Tradition derer, die, hauptsächlich vom Volkslied beeinflusst, einen Beitrag zum englischen Nationalstil leisteten.

Una Hunt, eine irische Pianistin, spielt das gesamte Klavierwerk Moerans. Ein musikalisch-geistreiches Vergnügen.

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