Musik in Zeiten der Stalin-Ära

„Ich hoffe sehr, daß eines Tages die Geschichte davon geschrieben wird, wie in den zwanziger und dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts eine große Volkskunst vernichtet wurde, denn diese Kunst war nur mündlich tradiert worden. Seit urdenklichen Zeiten durchwanderten Volkssänger die Ukraine, sie waren fast immer blind. Jeder Sänger hatte seine Lieder. Mitte der dreißiger Jahre wurde der All-Ukrainische Kongreß der Volkssänger gegründet um darüber zu beraten, was sie in Zukunft tun würden, damit – wie Stalin sagte – „das Leben leichter und fröhlicher” werde. Aus der ganzen Ukraine strömten sie zusammen zu ihrem ersten Kongreß – viele Hundert. Es war ein lebendiges Museum, die lebende Geschichte des Landes, alle seine Lieder, seine gesamte Dichtung und Musik. Und sie wurden erschossen. Warum?

Ganz einfach, um sie aus dem Weg zu schaffen. Sie sangen Lieder, deren Inhalt dubios erschien. Mündlich vorgetragene Lieder lassen sich nicht zensieren. Wir hatten mit der Kollektivierung zu tun. Die Blinden waren im Wege, das einfachste war, sie zu erschießen. Und so wurden sie eben erschossen.

Es gab zur gleichen Zeit Komponisten, die aus Moskau und Leningrad in die entferntesten Winkel des Landes flohen. Sie ließen sich in gottverdammten Nestern nieder, ständig in der Erwartung, daß man bei ihnen eines Nachts an die Tür klopfen und sie fortbringen würde – auf immer, genau wie ihre Freunde. Und eines Tages stellte sich heraus, daß man auch frei von Furcht und Zittern würde leben können: Für irgendwelche Jubiläumsfestlichkeiten in Moskau wurden kurzfristig fröhliche Lieder und Tänze gebraucht, außerdem musikalische Verurteilung der alten Zeit und Glorifizierung der neuen. Verlangt wurde eine Volksmusik, in der von echter Volksmusik nur noch ein paar Melodiefetzen übrigblieben. Die Komponisten aber, von denen ich sprach, hatte die Furcht zerfressen. Auf diese Weise waren die richtigen Voraussetzungen geschaffen für ein „machtvolles Erblühen” der nationalen, sozialistischen Kunst. Die Leute saßen an der Arbeit. Ein mächtiger Strom von nationalen Opern und Balletten entquoll ihren Schreibfedern. Man brauchte ein leichtverständliches Sujet, in der Regel konnte irgendein Aufstand herhalten und den mußte man mit einer schicksalsschweren Liebe „vertiefen”. Ein paar Tränen vergoß das Publikum allzu gern. Vom rein professionellen Standpunkt wurde das alles äußerst klangvoll zusammengebaut, in den besten Traditionen Rimski-Korsakows. Dann mußte man einen Autor für diesen Schund finden. Der Name mußte so national wie möglich sein. Im allgemeinen wurde auch dieses Problem gelöst: es fand sich immer ein flinkzüngiger junger Ehrgeiziger. Die Welt war um einen Hochstapler reicher geworden.”

Zitiert aus: Die Memoiren des Dmitri Schostakowitsch, herausgegeben von S. Wolkow

Nach Aussage der FAZ vom 22.6.2008 ist heute ein Großteil der Jugendlichen in Russland stolz auf Stalin.

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