Bach süß-sauer?

„Was für einen Nutzen könnte es haben, Zeit und Energie mit der Herstellung klimpernder Geräusche zu verschwenden?” fragt Steven Pinker in „How The Mind Works”.

Für die allermeisten Menschen dagegen ist es so selbstverständlich, Musik wahrnehmen und ausüben zu können, wie zu atmen. Die Neigung zur Musik zeigt sich bereits im Säuglingsalter in allen Kulturen und reicht offenbar schon bis zu den Anfängen unserer Art zurück. Selbst wenn sie durch individuelle Begabung gefördert oder geprägt wird, liegt diese „Musikophilie” sosehr in der menschlichen Natur, dass wir sie uns wohl als angeboren denken müssen. 

Ganz unterschiedliche Formen der Wahrnehmung von Musik beschreibt Oliver Sacks in seinem Buch: Der einarmige Pianist.

Wer kennt ihn nicht, den Ohrwurm, die Melodie, die uns minuten- oder stundenlang begleitet? Die uns an einprägsame Situationen erinnert und diese dadurch gleichsam wach hält. Doch wenn der Ohrwurm ein Leben lang anhält, vergleichbar dem Dauerton beim Tinnitus, dann wird für die Betroffenen die Musik zur akustischen Qual. 

Ganz anders verhält es sich bei der sogenannten Amusie: Menschen, die darunter leiden, hören Töne nicht in dem Klang, in dem wir sie kennen, sondern „als wenn Sie in meiner Küche wären und alle Töpfe und Pfannen auf den Boden schmeißen würden – das höre ich!” Ein Einkauf in einem musikbeschallten Kaufhaus oder gar ein Konzert kann für diese Menschen zur Tortour werden. 

Das Phänomen der Synästhesie ist am ehesten bekannt, durch die Verbindung von Klängen zu Farben: viele Menschen sehen eine ganz bestimmte Farbe beim Klang eines bestimmten Tones, so ist für sie z.B. g-moll nicht einfach nur gelb, sondern ocker und f-moll nicht einfach dunkel, sondern aschfarben. 

Es gibt allerdings auch Menschen, bei denen Klang eine Assoziation zu Geschmack hervorruft und eine kleine Sekunde so als sauer, eine kleine Terz als salzig und die kleine Sexte als sahnig „geschmeckt” wird. 

Es gibt Hinweise darauf, dass bei Primaten bis zur frühen Kindheit eine „Hyperkonnektivität” vorliegt, d.h. eine ungewöhnlich große Aktivierung zwischen verschiedenen Arealen der Hirnrinde, die erst in den ersten Wochen nach der Geburt verringert wird. Die Sinne eines Säuglings sind also noch nicht richtig differenziert, sondern in einem synästhetischen Durcheinander vermengt. Die Differenzierung scheint bei manchen Menschen mehr oder weniger stark entwickelt zu werden, so dass bei manche diese Hyperkonnektivität bis ins Erwachsenenalter weiterbesteht. 

Eine sinnliche Erfahrung, buchstäblich, Bach süß-sauer.

 

 

 

 

 

 

 

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