Feenhafte Pracht

Im Kanon der 100-jährigen Geburtstage steht auch Olivier Messiaen, ein Komponist, der wie kaum ein anderer die Musik des 20. Jahrhunderts geprägt hat. Für die einen ist er berühmt für den Farbenreichtum seiner Musik, für die anderen Vater der seriellen Musik. Wer war dieser Mann?
1908 in Avignon geboren, faszinierten den Jungen schon früh Märchen wegen ihrer phantastischen Gestalten wie Hexen und Gespenster. Shakespeare war für ihn der Schöpfer von ‚Supermärchen‘ und so spielte er Macbeth zu Hause nach und schuf sich mit an Glasscheiben geklebtem Zellophanpapier buchstäblich seine eigenen, märchenhaft-bunten Räume.
Mit Acht Jahren begann er autodidaktisch Klavier zu spielen und versuchte, erste Kanons (!) zu komponieren. Nur drei Jahre Später studierte er bereits am Conservatoire de Paris Klavier, Orgel, Schlagzeug, Improvisation und griechische Metrik.
Mit unermüdlicher Neugier sammelte er Klänge und Anregungen aus den unterschiedlichsten Bereichen: so finden wir indische Rhythmen ebenso wie Gregorianik, die Klangwelt eines Debussys und Strawinskys genauso wie die javanischer Gamelan-Orchester. Darüber hinaus war er Synästhetiker, der Farben mit Klängen assoziiert:
„Mein heimliches Verlangen nach feenhafter Pracht in der Harmonie hat mich zu diesen Feuerschwertern gedrängt, diesen jähen Sternen, diesen blau-orangenen Lavaströmen, diesen Planeten von Türkis, diesen Violettönen, diesem Granatrot wuchernder Verzweigungen, dieser Wirbel von Tönen und Farben in einem Wirrwarr von Regenbögen.“

Im katholischen Glauben fand er eine weitere Quelle seines musikalischen Schaffens. Er beschrieb sein Verhältnis zu Phantasie, Musik und Religion selbst: „es ist unbestreitbar, dass ich in den Wahrheiten des katholischen Glaubens diese Verführung durch das Wunderbare hundertfach, tausendfach multipliziert wiedergefunden habe.”
Für ihn war die einzige Wirklichkeit die, die im Glauben zu finden sei. Dazu müsse man jedoch durch den Tod gegangen sein, was den Sprung aus der Zeit voraussetze. Die Musik könne darauf vorbereiten, denn sie ist „ein steter Dialog zwischen Raum und Zeit, zwischen Klang und Farbe — ein Dialog, der zu einer Verschmelzung führt: Die Zeit ist ein Raum, der Klang eine Farbe, der Raum ein Komplex übereinander gelagerter Zeiten, und die Klangkomplexe existieren gleichzeitig als Farbkomplexe. Denkt, sieht, hört und spricht ein Musiker auf der Basis dieser grundlegenden Erkenntnisse, kann er sich bis zu einem gewissen Grade dem Jenseitigen nähern.” Programme du Festival. Paris 1978

Ab den 50er Jahren wird die Beschäftigung mit Vogelstimmen zur weiteren Inspiration für seine Tonsprache: 700 verschiedene Gesänge soll er unterscheiden haben können. Genau darin zeigt sich auch die Unabhängigkeit seiner Persönlichkeit: während andere mit Sinustönen experimentierten, arbeitete er mit Farben, als andere abstrakt komponierten, wandte er sich den Vogelgesängen zu: „Angesichts so vieler entgegengesetzter Schulen, überlebter Stile und sich widersprechender Schreibweisen gibt es keine menschliche Musik, die dem Verzweifelten Vertrauen einflößen könnte. Da greifen die Stimmen der unendlichen Natur ein.“

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