Aller guten Dinge sind Drei

Hören zu können ist, wie wir gesehen haben, der erste Schritt auf dem Weg zum Musizieren. Der zweite, nicht weniger entscheidende, findet in unserem Gehirn statt. Das Ohr liefert die Sensoren, deren Informationen aber erst im Gehirn verarbeitet werden. Drei wichtige Parameter müssen im Gehirn erkannt und verarbeitet werden.
Rhythmik, Melodik und Harmonik
Rhythmus hat nichts mit Tönen und Tonhöhe zu tun, sondern gibt nur Auskunft über das „wann“ und „wie lange“ eines Schallereignisses (griechisch: éryein = ziehen, wer zieht was nach sich?). Wann beginn und endet ein Schallereignis und wann kommt das nächste? Unsere frühen Vorfahren haben vielleicht auf einen hohlen Baumstamm oder leere Kalebassen getrommelt. Der erste Schritt auf dem Weg zur Musik.
Melodik bezeichnet die lineare Aufeinanderfolge von Tönen (griechisch: mélos = Lied). Das heißt, von Schallereignissen verschiedener Frequenz, also hoher und tiefer Töne. Meist ohne darüber nachzudenken, wird in einer Melodie auch ein zeitliches Muster, der Rhythmus, eingebunden. Also: wann kommt welcher Ton? Ob unsere Vorfahren sangen oder in ein Schilfrohr bliesen, der zweite Schritt in der Entwicklung der Musik war damit vollzogen. Der größte Teil der Musik fremder Kulturen beschränkt sich auf diese beiden Parameter.
Harmonik ist die dritte Komponente in diesem Beziehungsgeflecht. (griechisch: harmonía = Fügung) Sie beschreibt all das, was gleichzeitig erklingt. Aber diese Gleichzeitigkeit besteht nicht in einer Menge gleichspielender oder gleichsingender Stimmen, sondern eigenständig gebildeter, aber aufeinander bezogener Linien. Dies ist ein typisch abendländisches Phänomen, das eine ganz neue, eine räumliche Dimension eröffnet. Es entstand erst nach dem ersten Jahrtausend unserer Zeitrechnung und auch erstaunlicherweise nur in einem vergleichsweise eng begrenzten Kulturraum. Offensichtlich eine ziemlich komplizierte Angelegenheit, die eine Menge grauer Zellen in Anspruch nimmt…

Hören zu können genügt nicht

Für die einen ist es Rap oder Hip-Hop, für die anderen Alpenjodel oder Arientriller – Musik finden doch alle irgendwie prima, oder?
Hören zu können ist längst nicht allen Lebewesen eigen, und Hören zu können reicht nicht, um Musik zu verstehen.
Am Anfang schwamm im Schlamm seines Teiches ein Pantoffeltierchen: Es konnte schon Helligkeit und Dunkelheit wahrnehmen und chemische Prozesse ermöglichten ihm so etwas wie Riechen und Schmecken. Aber hören konnte es nichts.
Millionen Jahre später bevölkerten Quallen und Meeresschnecken die Ozeane, doch auch sie hören noch nichts.
Insekten hören zwar, aber völlig anders als wir. Grillen beispielsweise nehmen einen bestimmten Frequenzbereich wahr, der ein festgelegtes Verhaltensrepertoire auslöst. Doch das hat mit Hören in unserem Sinne nichts zu tun.
Die ersten hörenden Lebewesen sind die Fische. Sie besitzen ein Band druckempfindlicher Zellen an der Seite des Rumpfes, das die Wasserbewegungen von allen Mitschwimmern wahrnimmt. Diese Zellen wanderten im Laufe von Hunderten Millionen Jahren allmählich in das Innere des Kopfes, wo sie die Grundlage für das Gleichgewichtsorgan bildeten. Das erste System, das Schalldruck als Information verarbeiten konnte. Aber obwohl Fische jede Note einer Sinfonie hören können, fehlt ihnen ein richtiges Innenohr.
Erst die Amphibien, allen voran unser Frosch, entwickelten einen Beutel mit Haarsinneszellen, der einzig dem Hören diente.
Vögel sind da doch schon richtige Musikanten. Sie bildeten, unabhängig von den Säugetieren, eine dreikammerige Cochlea (Hörschnecke), mit denen sie Frequenzen zwischen 50 – 30.000 Hertz hören können. (Im Vergleich dazu: Das menschliche Hörspektrum liegt zwischen 20 – 18.000 Hertz) Vögel zirpen und zwischtern, trillern und tirilieren. Sie können die Struktur der Schallschwingungen wahrnehmen und gehen dem Auf und Ab der Klangkontur nach. So können Sie ihre artenspezisfischen Gesänge erkennen. Aber auch sie haben noch keine Vorstellung von Musik im menschlichen Sinne.
Denn dazu gehört eine Fähigkeit, die gar nicht im Ohr, sondern im Gehirn beheimatet ist: Die Fähigkeit, Beziehungen zwischen den Tönen herzustellen und zu erkennen. Die Grundvoraussetzung für Musik.

Vom Staunen zum Kaufen

Was ist so besonders an Musik, dass wir ihretwegen in Verzückung und Tränen ausbrechen, Gänsehaut gekommen und die Zeit und Welt um uns herum vergessen? Auf der Suche nach Antworten begannen wir letzte Woche in Griechenland vor ca. 2500 Jahren. Scheinbar nur ist diese Zeit weit entfernt. Wenn wir das alte Vokabular unserer Vorfahren auf unsere Zeit übertragen, so finden wir verblüffende Parallelen.
Phytagoras hatte den Zusammenhang von Saitenlänge und Tonhöhe erforscht. Das ist heute ein Thema der Physik, genauer der Akustik, die sich mit dem Schall und seiner Ausbreitung beschäftigt. Dieses Phänomen gehörte bis dahin ausschließlich in den Bereich der Philosophie, deren Grundvoraussetzung das Staunen (ϑαυμάζειν) ist. Nun wurde es zum Gegenstand der Naturwissenschaft, deren Ausgangspunkt im Messen liegt.
Platon bindet die Musik in die Erziehung ein – der Anfang der Musikpädagogik, die die Wirkung der Musik in Bildung und Erziehung untersucht. An besonders beispielhaften Projekten läßt sich gut ersehen, welche enorme Wichtigkeit und Bedeutung Musikausübung hat. Jedem-Kind-Sein-Instrument, ein Projekt aus NRW, das jedem Grundschulkind ein Instrument und Unterricht während der Grundschulzeit ermöglicht. Das Balletprojekt der Berliner Philharmonker, das in einem mitreißenden Film dokumentiert wurde. Venezuela, ein Land auf der anderen Seite des Globus, das der Welt zeigt, wie die Musik das Leben verändert. Hier ist die Musiksoziologie angesiedelt, die den Umgang des Menschen mit Musik untersucht.
Aristoteles beschreibt den Einfluß der Musik auf Seelenzustände. Der Zusammenhang zwischen Pulsschlag und Musik wird entdeckt. Themen, die heute die Musikpsychologie beschäftigt und in der Musiktherapie Anwendung finden.
Diogenes erkennt die Auswirkung der Musik auf unsere sensorische Differenzierungsfähigkeit. Die Musikphysiologie ist geboren.
Musikwissenschaft wie in den Artes liberales“ gleichberechtigt neben Geometrie und Arithmetik zu stellen, fiele heute kaum jemandem spontan ein, wiewohl es erstaunlich viele musiziereden Naturwissenschaftler gibt.
Ist Musik nur noch Wellness- und Spaß- und Nutzfaktor? Nützlich, um ADHS-geplagte Kinder vor Retalin zu bewahren oder um Kunden zum ersehnten „Point of Sale“ zu führen?
Oder ist da doch noch mehr?

Vom homo erectus bis zur hohen Kunst

Musik  bewegt die Menschen so nachhaltig und tief, dass sie unmöglich von Menschen erfunden worden sein kann. Ihr Ursprung sei das Werk der Götter. So erklären die Mythologien vieler Völker die besondere Beziehung des Menschen zur Musik.
Unsere hominiden Verwandten wurden ab dem Moment zu unseren direkten Urahnen, als sie begannen, ein abstraktes, höheres Wesen zu verehren und Musik zu machen. So definieren einige Anthropologen den eigentlichen Anfang unserer Spezies.
Was ist denn so Besonderes an dieser zyklisch bewegten Luft, dass wir ihretwegen in Verzückung und Tränen ausbrechen, Gänsehaut bekommen und die Zeit und Welt um uns herum vergessen?
Auf der Suche nach Antworten aus Geschichte, Kunst und Wissenschaft beginnen wir in Griechenland:
6. Jh. vor Chr.
Pythagoras wird zugeschrieben, dass er die Zahlenverhältnisse von schwingenden Saiten herausfand. Wenn eine Saite 1000 mal pro Sekunde schwingt und eine andere Saite 2000 mal, so hören wir eine Oktav und das Zahlenverhältnis beträgt 1:2. So lassen sich alle Intervalle in Zahlenverhältnissen ausdrücken. Doch Pythagoras war nicht nur Mathematiker, sondern auch spiritueller Lehrer: Ihm ging es nicht nur darum, eine Beziehung zwischen Tönen und Zahlen zu finden, sondern die Musik wie die Mathematik in die Theorie seiner Kosmologie einzubinden, derzufolge (die rationalen) Zahlen der Grund aller Dinge seien.
5. Jh. vor Chr.
Platon stellte in seinem Entwurf des idealen Staats die Musik neben die Gymnastik. Die ausschließliche Beschäftigung mit Gymnastik führe zu „Rauheit und Härte“, die ausschließlich musische zu „Weichheit und Milde“. Erst die Kombination beider sorge für die richtige Erziehung. Jeder Stand hat eine eigene Musik.

4. Jh. vor Chr.
Nach Aristoteles ist die Beschäftigung mit der Musik wichtig, weil sie der Erheiterung und Entspannung diene und damit auf die Seele einwirke. Melodien und Rhythmen ahmten die Wirklichkeit nach und erweckten dieselben Seelenzustände wie die Realität. Allerdings könne nur durch eigene Musikausübung diese Wirkung erzogen werden.
2. Jh. vor Chr.
Diogenes (der in der Tonne) beschreibt erstmals den Unterschied zwischen einem angeborenen, natürlichen Urteilsvermögen und einem geschulten. Musik und deren Ausübung schärfe die Sinne.
1. Jh. nach Chr.
Seneca unterschied in sieben freie Künste (Artes liberales). Die Musik gehört neben der Arithmetik, Geometrie und Astronomie zum Quadrivium, den sog. höheren Künsten. Grammatik, Rhetorik und Logik gehörten zum Trivium, den niederen Künsten. Wir nennen heute noch etwas Einfaches „trivial“.

Die Musik gehörte zu den „höheren“ Künsten, weil sie sich mit den hochgeschätzten Zahlen beschäftigte. Die emotionale Wirkung von Musik spielt in dieser Ordnung keine erwähnenswerte Rolle. Dieser Kanon wurde erst in der Renaissance erweitert.

Schwindel in Zeiten elektronischer Medien

Eine Frau, Pianistin von Beruf, verblüfft, rührt und entzückt CD-Sammler und Klavierexperten in England und Amerika. Sie ist krebskrank und steht bereits in vorgerücktem Alter. Mit ungeahnten Kräften ausgestattet, gelingt es ihr dennoch, binnen weniger Jahre den grössten Teil der Klavierliteratur aufzunehmen. Sie beherrscht nicht allein sämtliche Sonaten von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert oder Prokofjew, sondern auch Bachs Goldberg- und Brahms‘ Paganini-Variationen, Liszts Transkriptionen aller Beethoven-Symphonien, Godowskys Bearbeitungen der Etüden Chopins.
Über hundert CD kommen zum Vorschein, ohne dass sich darin ein einziges Werk wiederholt. Siebenundsiebzigjährig stirbt sie im Jahr 2007. In den Londoner Zeitungen liest man Nachrufe, wie sie interpretierenden Musikern noch kaum zuteil wurden. Wer es noch nicht mit Hilfe des Internets oder aus Zeitschriften erfahren hatte, wusste es nun: Joyce Hatto war «ein britisches Nationaljuwel», eine Pianistin, die den grössten Namen der Zunft nicht nachstand.
Wie sich herausgestellt hat, war die ganze CD-Serie ein grandioser Schwindel. Joyce Hattos Ehemann William Barrington-Coupe hatte ihn allmählich in Szene gesetzt. So verbreitete er die Geschichte einer Leidenden, die, von Schwächeanfällen heimgesucht, in einem Schuppen hinter dem Haus ihre Aufnahmen machte. In Wirklichkeit wurden Aufzeichnungen anderer Pianisten in seiner eigener Firma unter Joyce Hattos Name herausgebracht.
Inzwischen sind die Spieler der meisten CD identifiziert worden. Nicht weniger als 96 Pianisten sind es, darunter Namen wie Andsnes, Ashkenasy, Bronfman, Hamelin oder Kissin. Die Identität der Aufnahmen ist elektronisch einwandfrei erwiesen. Barrington-Coupes Beitrag bestand darin, den Klang zu verfremden, zyklische Werke aus mehreren Aufnahmen zusammenzustellen sowie Tempi zu verändern, um die Identifikation zu erschweren.
Schwer zu sagen, worüber man mehr staunen sollte: über die Wirklichkeitsferne, die es einer kranken Frau zutraute, ein riesiges, athletisch höchst anspruchsvolles Repertoire innerhalb eines Jahrzehnts aufzunehmen, ein Repertoire, das kein Übermensch während eines langen gesunden Lebens bewältigen könnte; über die Sorglosigkeit, mit der ein Klavierspiel akzeptiert wurde, dem seit den siebziger Jahren niemand als Augenzeuge beigewohnt hatte; über die unglaubliche Tatsache, dass man das Spiel einer Hundertschaft verschiedenster Pianisten für jenes einer einzigen Person hielt («Ihr schöner Klang gehört ihr allein»).
Alfred Brendel, Pianist, in der Neuen Züricher Zeitung vom 02.01.2010

Frohe Weihnachten und einen guten Start ins Neue Jahr!

Splendeurs ist Französisch und heißt Glanz, Herrlichkeit. Der Titel der CD ist so treffend wie selten sonst: Nathalie Stutzmann singt Arien von Händel, die Hanover Band spielt.
dhm 828766 83502

Japanischer Piano-Stilmix aus Neo-Klassik und Pop, für den, der’s gerne leise und sanft mag. ryuichi sakamoto: playing the piano
Decca: 47 63 609

The Unforgettable NHOP Live, Nils-Henning Orsted Pedersen, der Bassist, dessen Spiel man nach drei Tönen erkannte, er sei unvergessen!
ACT 9464-2
Anouar Brahem Trio: wenn es seit alters her einen Ort der Begegnung gibt, dann ist es das Kaffeehaus.  Im  Astrakan Café trifft Russland auf Aserbaidschan auf Turkmenistan auf den Balkan, Tunesien, die Türkei. Klarinette trifft auf Percussion und Oud (arabische Laute)
EMC 1718
Randi Tytingvag: Red, Aus dem Hohen Norden Norwegens kommt eine poetische Stimme herangeschwebt und bewegt sich zwischen Jazz, Tango und Pop.
ozella OZ 026
Abdullah Ibrahim: a celebration, der Mann, der den südafrikanischen Jazz in die Wellt brachte, wurde 75.
ENJA 9476-2
Und wer noch Weihnachtslieder sucht:
Carla’s Christmals Charols, Blechbläserquintett mit einem Hauch Jazz. ECM
Quadro Nuevo, Weihnacht, Vier Spieler – Acht Instrumente. Von Valse Musette, Arabeseke, Flamenco bis Tango ein geistreicher, origineller Stilmix.  GLM

CD-Tipps, Klappe die Zweite…

Wer eine Vorstellung von der Wucht des Urknalls bekommen will – hier ist sie: „Es werde Licht!“ Eindrucksvoller als Joseph Haydn hat niemand das Wort „Licht“ in Töne gesetzt. Die Schöpfung von Joseph Haydn, mit Nikolaus Harnoncourt und den Wiener Symphonikern
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John Abercrombie Quartet: Wait Till You See Her, eigenständig und eingängig, eine perfekte Balance zwischen traditionellem Jazz, freier Improvsation und Kammermusik, ein Hauch von Bill Evans weht hindurch… Ein Muß für Kenner.
ECM 2102
gyri gyri gaga: „Was ist die Welt?“ – die Frage stellten sich die Menschen wohl schon immer, ein paar Antworten geben Stimmwerck, klasklar und innig, frech und verträumt, Lust & Leben in der deutschen Renaissance, unbedingt hörenswert.
CHR 77311
Lennie Tristano, der Analytiker unter den Jazzpianisten, dessen Schüler Bach und Bartok lernten. Seine letzte Aufnahme von 1956, heute noch spannend!
Atlantic 78712
Barockmusik vom Allerfeinsten: Das Combattimento Consort Amsterdam spielt Wassenaer und Hellendaal. Noch nie gehört? Dann wird es aber allerhöchste Zeit, denn auch die lange Zeit zwischen den Jahren ist irgendwann vorbei…
NM 92097

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