Eitelkeit wird in einem Opernhaus groß geschrieben. Wer auf die Bühne will, um gefeiert und bejubelt zu werden, braucht davon ein ordentliche Menge, denn auf den Brettern, die die Welt bedeuten, muß alles viel größer sein als im alltäglichen Leben.
Jede Emotion ist dort vertreten: Der ekstatische Jubel, das große Pathos, die abgrundtiefe Verzweiflung genauso wie die lodernde Rache und der tückische Mord. „Große Gefühle“ werden sie gerne genannt, die die Wirklichkeit überzeichnen und die Figuren typisieren. In ihnen findet sich das Publikum wieder, das in der Oper als Projektionsfläche seine eigenen Sehnsüchte nachlebt.
In diesem Umfeld lebte und arbeitete Händel. Um ein Rudel von Stars und Sternchen zu zähmen, bedarf es nicht nur künstlerischer Qualitäten als Komponist, sondern auch der Souveränität und Autorität eines Löwenbändigers.
Doch nicht nur auf und hinter der Bühne spielten sich alltägliche Dramen und Intrigen ab, vor allem wollten die Zuschauer mit jeder Aufführung neu gewonnen werden – und nicht ist wetterwendischer als das Publikum. Die Musik kann noch so kunstvoll sein, die Primadonna noch so herzzerreißend sterben, wenn das Haus leer ist, interessiert das niemanden.
Ein Opernkomponist braucht einen ausgeprägten Riecher für die Themen, die gerade „up to date“ sind. Mit Kennerohr und sicherem Instinkt muß er die richtigen Primadonnen und Kastraten einkaufen, denn nur die können seinen Figuren Leben einhauchen.
Nahezu 30 Jahre hatte Händel mit seinen Opern enormen Erfolg, dann war die Begeisterung der Engländer an italienischen Koloraturen zu Ende. Doch das, was zunächst als Notlösung zum Überleben aussah, entpuppte sich aus heutiger Sicht als die beste Idee, die Händel je hatte: Er begann Oratorien zu schreiben.
Als junger Mann hatte er diese Kunstform am Hofe des Kardinals Ottoboni in Rom kennen gelernt, nun kam ihm dieses Wissen zugute. Während es bei den italienischen Opern weitgehend egal war, was auf der Bühne gesungen wurde, war es nun dem Publikum bei den englisch gesungenen Oratorien von Anfang an verständlich, was Salomon und die Königin von Saba sich zu sagen hatten. Das war spannend! Und an spannenden Geschichten hat die Bibel für Komponisten wahrlich genug zu bieten.
Händel schafft in seinen Oratorien eine ganz neue Form. Dem Chor wird eine tragende Rolle zugewiesen und auch das Orchester bekommt eine neue Funktion: Da Handlung nicht mehr sichtbar dargestellt wird, werden die instrumentalen Zwischenspiele viel stimmungsvoller und wir beginnen „mit den Ohren zu sehen“ (Karl-Heinz Ott)
Auf die „großen Gefühle“ muß dennoch niemand verzichten. Ein größeres
Halleluja als Händel in seinem Messias hat keiner je geschrieben.
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